Laissez-Faire von Marc Liebe

20.August 2011 – Heimspiel gegen Liverpool.
Getrübt durch die Verkäufe unserer damaligen Starspieler blieb uns nicht viel mehr übrig als ein junges, unerfahrenes Team auflaufen zu lassen. Unser Neuzugang Gervinho hatte sich zumal im ersten Saisonspiel in Newcastle zu einer unrühmlichen Tat hinreißen lassen und verbrachte das Spiel rotgesperrt auf der Tribüne.

Die Stimmung unter unseren Anhängern war durchweg negativ. Uns fehlten Erfahrung & Routine in allen Bereichen des Platzes. Was mir von diesem Spiel hängengeblieben ist, waren zwei Sachen:

1.) Wir haben trotz der Unterlegenheit auf Papier sehr gut gegen gehalten, waren sogar stellenweise das bessere Team. Die Fans haben es den Spielern lautstark gedankt.

2.) Die rote Karte für Emanuel Frimpong besiegelte unseren Untergang. Jedem Zuschauer war dies klar.

Als die rote Karte seitens des Schiedsrichters gen Himmel gestreckt wurde und Frimpong seinen Weg in die Kabine betrat, gab es Standing-Ovations für einen Jungen, der genau das präsentierte, was sich der durchschnittliche AFC-Anhänger wünscht.
Er verkörpert den stetigen Willen, trotz seiner noch nicht vollkommenen spielerischen Reife nie aufzustecken. No retreat, no surrender – getreu dem Motto des ersten Teils der Karate Tiger-Reihe.

Ein Spieler, der nun zum wiederholten Male eine mehrmonatige Verletzungspause antreten muss, verursacht durch seinen Einsatz für ein Team, für das er derzeit als Leihgabe aufläuft. Deren Fans ihn in nur zwei Spielen in ihr Herz geschlossen haben. Als er vom Spielfeld mittels Trage gen Katakomben manövriert wurde, erntete er abermals Respekt, Anerkennung und wahrhaftiges Mitgefühl.

Am Sonntag, den 22.01.2012, erschienen auf einer Anzeigetafel im Norden Londons zwei Nummern. Die eine war die 15, die andere die 23. Was folgte war ein gellendes Pfeifkonzert. Der Unmut in N5 ist groß dieser Tage. Noch nie wurde ein Auswechslung in der Art kommentiert. Ein Riss tat sich auf und man fragt sich, ob es dies eine Entscheidung war, welche das Schicksal einer Legende besiegelt hatte. Eine Anzeigetafel wurde zum Sinnbild dessen, was seit nunmehr drei Spieltagen den Niedergang der Aufholjagd um einen Champions-League-Platz bedeutete. Laissez-Faire. Fehlende Motivation, Inspiration & Kampfgeist. Selbstüberschätzung. Der Niedergang des Arsene Wenger?

Es war vor dem Spiel die Rede von Rache. Es endete in einem Desaster.
Das Ergebnis war nicht von allzu großer Bedeutung. Manchester United mag nicht mehr die spielerischen Anlagen besitzen, wie sie es noch vor einigen Jahren taten. Die taktische Disziplin und Motivation des Einzelnen ist jedoch beinahe einzigartig. Und wenn es mal nicht so läuft, nimmt man halt einen eingewechselten Spieler wieder vom Platz. Persönlich sehe ich United nicht auf unserem Niveau, was die Spielanlagen betrifft. Das war bei Swansea ähnlich. Nichtsdestotrotz haben wir 6 Punkte verloren.

Die Faktoren hierfür sind in beiden Fällen gleich zu deuten. Wenn man ohne gelernte Außenverteidiger auftritt, wird man über die Flügel ein Problem bekommen. Steht dort nun ungeschultes Personal oder schlimmer – Spieler, die ihre eigentliche Profession in anderen
Gefilden des Spielfelds sehen – ergeht es jenen so, wie es Johan gestern mit Nani, Giggs und Evra ergangenen ist. Jene Auswechslung war die einzig nachvollziehbare im United- Desaster und Yennaris hat als gelernter, wenn auch unerfahrener Rechtsverteidiger relativ schnell erkennen lassen, dass er die bessere Alternative zu Sagna und Jenkinson als ein gelernter Innenverteidiger ist.

Wenn man einen derart geistlosen Spieler wie Theo Walcott vor sich stehen hat, kann selbst ein gelernter Rechtsverteidiger seine Probleme bekommen. Und wenn man einen Andrei Arshavin an der Seite hat, dann hat man 100%ig ein Problem. Es dauerte keine 8 Minuten bis Arshavin preisgab, warum kein Platz mehr in London für ihn ist. Der Ausgang seines unmotivierten Blockversuches, welcher Valencia den Weg zum 1-2 ermöglichte, war ein weiteres Paradebeispiel für das vorgetragene Laissez-Faire des Russen. Ein Spieler, der seit Monaten mit unterirdischen Leistungen von sich Reden macht, wird für den besten Spieler (neben Koscielny) eingewechselt und verursacht dann zu allem Übel auch noch das 1-2.

Es gab ein Statement von Cesc Fabregas, in dem er zu Protokoll gab, dass in der zweiten Hälfte der Saison 2010/11 niemand mehr für Motivation innerhalb des Teams sorgte. Als ehemaliger Kapitän muss er sich natürlich in dem Zusammenhang Kritik gefallen lassen. Das Hauptmaß der Kritik fällt jedoch auf eine Person, die 7 Millionen Pfund jährlich als Eingang auf seinem Konto verzeichnet und seit nunmehr 7 Jahren erfolglos das Zepter in der Hand hält. Ich bin ein großer Arsene Wenger-Fan und betrachte ihn als lebende Legende. Doch selbst Michael Ende fand für seine „Unendliche Geschichte“ einen Schluss. Es geht nicht mehr um Transfers. Es geht hierbei um eine Philosophie – Victoria Concordia Crescite. Erfolg (Sieg) durch Harmonie. Der Erfolg ist verblasst, die Harmonie ist dahin. Wenn selbst ein Kapitän den Navigator und seine Richtweisung in Frage stellt, ist es vielleicht besser, die Navigation neu zu justieren. In der EPL wimmelt es nur so von Eisbergen.

Abschließend möchte ich ein paar Namen nennen und ein jeder sollte sich mittels seiner aktuellsten Erinnerungen einen Zusammenhang von jenen überlegen:

Oxlade-Chamberlain, Frimpong, Koscielny, Van Persie, Arteta, Wilshere, Henry, Lansbury, Yennaris, Miquel, Coquelin, Santos, Sagna, (Gervinho)

Arshavin, Walcott, Ramsey, Song, Squillaci, Bendtner, Denilson, Chamakh, Wenger

VCC