Es gibt ein Argument, das ich immer wieder höre: Wenn Wenger weg ist, könnte es noch schlimmer werden. Mag sein. Ist aber auch nur eine bloße Vermutung der Pro-Wenger-Fraktion. Und was bringt es wirklich an zusätzlichem Risiko, wenn die Wohnung schon brennt und das Feuer vielleicht noch auf das letzte Zimmer übergreift? Das ist ein Schaden, über den ich hinwegschauen kann. Besser alles löschen und neu aufbauen!

Ich bin immer noch traurig. Nicht mehr ganz so traurig wie Mittwochabend. Aber immer noch traurig. Wahrscheinlich wäre es auch viel schlimmer gewesen, wenn ich nicht mit den liebsten Menschen am Mittwochabend in der Kneipe gesessen hätte, sondern zuhause alleine auf dem Sofa. Und es nicht so viele Aufmunterungs-Nachrichten gegeben hätte.

Seit über zwölf Jahren schütte ich mein Herz und meine Zeit an den Arsenal Football Club aus, habe nicht wirklich viele Spiele in dieser Zeit (bewusst) verpasst. Und ich habe natürlich auch unsere schlimmsten Niederlagen erlebt und verarbeitet. 2:8 bei Manchester United im August 2011, die Niederlage bei Bradford im Ligapokal, das North London Derby 2010, als wir schon 2:0 gegen die Spurs führten, und dann noch 2:3 verlierten. Das Ligapokalfinale 2011 mit der 1:2-Niederlage gegen Birmingham, oder das 1:5 beim FC Liverpool vor drei Jahren, als wir ganz schnell 0:4 zurücklagen. Und natürlich nicht zu vergessen das 0:6 beim FC Chelsea, als Wenger auf Mourinho losging. Und ich am liebsten auf Wenger. Die Liste ließe sich um etliche Spiele ergänzen, remember CL-Achtelfinale gegen Monaco oder die Niederlagen in der CL-Gruppenphase gegen Zagreb und Olympiakos. Und was steht demgegenüber? Ja, klar, immer die Qualifikation für die Champions League – und der zweimalige Gewinn des FA-Cup.

Aber diese Niederlage am Mittwochabend, das 1:5 beim FC Bayern, war besonders schlimm. Von allen Niederlagen und Setbacks seit dem Umzug ins Emirates Stadium 2006 war das aus meiner Sicht der schmerzlichste Abend in meiner Zeit als Arsenal-Fan. Warum möchte ich im Folgenden erklären und deutlich machen, dass es Zeit ist, dass Wenger geht und sich der Verein rundum neu aufstellen muss.

Es ist vollkommen richtig und muss als große, sehr große Anerkennung für Arsène Wenger herhalten, dass er den Verein in finanziell schwierigen Zeiten – das neue Stadion musste abbezahlt werden – sportlich immer unter die Top Vier der Tabelle geführt hat. Diese Leistung ist nicht hoch genug anzuerkennen, zumal in beständiger Regelmäßigkeit uns die wichtigsten Spieler abgekauft wurden und wir finanziell nicht mit den Topklubs mithalten konnten. Seit zwei, drei Jahren ist dieser Abschnitt aber vorbei. Der Verein ist finanziell kerngesund, hat keine kurzfristigen Verbindlichkeiten, macht Gewinne und hatte mal über 200 Millionen Pfund als Cashreserven auf dem Konto. Neuer Werbedeal mit Puma, mehr Einnahmen durch die TV-Rechte, die Verlängerung des Namensponsorings des Emirates Stadium etc. sorgen für sprudelnde Einnahmen. Wir waren und sind in der Lage, für neue Spieler viel Geld auszugeben. Alexis, Özil, Xhaka – um nur einige Beispiele zu nennen. Natürlich haben andere Vereine in der Premier League bessere finanzielle Möglichkeiten, gebe ich gerne zu. Man City, auch Man United und Chelsea können mehr Geld ausgeben. Zwischen 2013/2014 und 2015/2016 hat Arsenal 112 Millionen Pfund in den Kader investiert, also rund 40 Millionen Pfund pro Spielzeit. Die Klubs aus Manchester haben doppelt so viel ausgegeben. Nun ist die reine Quantität kein Maßstab, sondern auch die Qualität neuer Spieler, aber das ist nicht entscheidend: Wir können viel mehr investieren als noch 2010-2013. Gleichzeitig müssen wir eben nicht mehr, Spieler verkaufen, sondern können seit drei Jahren einen Nukleus an Beständigkeit und Eingespieltheit aufweisen. Eigentlich. Und jetzt kommt Wenger in das Spiel meiner Argumentation. Die Bedingungen bei Arsenal für Wenger haben sich seit 2013 substanziell verbessert, sportlich wie finanziell. Doch von den sportlichen Leistungen stagnieren wir. Taktik, Einstellung der Spieler – es ist ein unangenehmer Cocktail, der mich schon seit längerem mit dem Gedanken beschäftigt, dass ein Trainerwechsel notwendig ist. Seit Mittwochabend und dem 1:5 bei den Bayern ist er im Sommer zwingend erforderlich. Hier meine Begründungen:

1. Unsere taktischen Limitationen
Das Spiel beim FC Bayern hat es erneut gezeigt: Wir können nur ein Spielsystem, das 4-2-3-1/4-1-4-1, haben keinen Plan B und sind entsprechend von taktisch geschulten und flexiblen Gegnern ganz einfach zu knacken. Wir können taktisch während des Spiels nicht reagieren, auf den Gegner einstellen und mit ihm mithalten. Wengers Vernachlässigen von Taktiken und Spielsystemen seit vielen Jahren fliegt uns jetzt um die Ohren. Ohne Pressing, nur mit Wenger-Ball geht es nicht mehr. Andere Topteams in Europa wie auch die Konkurrenz in der Premier League haben dort einen Riesenschritt nach vorne gemacht. Wie hat es Tobias Escher von spielverlagerung.de so prägnant formuliert: „Arsenals passive Defensive wirkt in Zeiten des Gegenpressings und der kollektiven Defensivarbeit antiquiert. Schlimmer noch: Sie lernen nicht aus ihren Fehlern.“ Wenger will nicht aus den Fehlern lernen. Wenger ist ein Trainer, der von seiner Vergangenheit lebt. Erlösen wir ihn aus der Gegenwart! Wenger hat immer noch nicht das universale Spielsystem für seine Stars gefunden, weil er ständig beim 4-2-3-1 bleibt. Und keiner kann mir sagen, dass es kein System gibt, indem Özil, Alexis und Giroud nicht zusammenspielen können?

2. Sportliche Stagnation
Unsere limitierte „Taktik“ führt zu sportlicher Stagnation. Wir haben den besten Kader seit vielen Jahren, schwimmen im Geld – sportlich stagnieren wir. Mag sein auf ordentlichem Niveau (Top Four, CL-Achtelfinale). Aber das kann und darf doch nicht der Anspruch von Arsenal sein. Wenn der Kader besser wird, die Rahmenbedingungen besser werden und ich keinerlei sportlichen Fortschritt sehe, gibt es nur eine Konsequenz: Es braucht einen Trainerwechsel. Natürlich muss ich als Gefahr und Risiko einpreisen, dass es dann für eine gewisse Zeit vielleicht erst einmal schlechter läuft, aber was kann schlechter als ein 1:5 bei den Bayern sein. Auf die Qualifikation für die Champions League kann ich dann als Fan gerne auch verzichten, wenn ich sowas miterleben muss. Und wie gesagt: Der Verein ist finanziell abgesichert, auch mal ein, zwei Jahre nicht in Europa zu spielen. Welch befreiende Wirkung das haben kann, zeigt gerade eindrucksvoll der FC Chelsea.

3. Außendarstellung
Die Niederlage am Mittwoch war peinlich und traurig für alle Fans. Arsenal verspielt durch solche Auftritte sein sehr gutes Image in Fußballeuropa. Soll das wirklich so weitergehen? Dazu die ständigen Ausreden von Wenger, man sei nicht mental vorbereitet gewesen oder wäre mental eingebrochen. Dazu die Sperre von Wenger nach der Schiri-Schelte, das Lamentieren über den Spielplan vor dem Spiel in Bournemouth. Es nervt! Wenger macht den Eindruck einer lahmen Ente. Warum sieht das eigentlich keiner? Ja, Wenger hat unglaubliches für Arsenal geleistet. Wenger ist Arsenal. Aber er ist auch amtsmüde.

4. Der Verein macht es sich zu einfach und bequem
Solche Niederlagen und Leistungen wie am Mittwoch gehen doch an keinem spurlos vorbei: Am Team nicht, am Verein nicht, schon gar nicht an den Fans. Und es ist ja nicht die erste Offenbarung in den letzten Jahren. Solange der Verein nicht in der Lage ist, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen, geht das immer so weiter. Das mag für das Arsenal Board ja vielleicht ganz lukrativ sein. Dann darf man sich aber auch nicht wundern, wenn wir Fans uns abwenden und die Sitzplätze im Stadion leer bleiben. Auch um eine weitere Spaltung der Fangruppen zu vermeiden und die Distanz zwischen Klub und Anhängerschaft nicht größer werden zu lassen, sollte Wenger im Sommer gehen. Es gibt nur ein Argument, das ich immer wieder höre: Wenn Wenger weg ist, könnte es noch schlimmer werden. Mag sein. Ist aber nur eine Vermutung. Und was bringt es wirklich mehr, wenn die Wohnung schon brennt und das Feuer vielleicht noch auf das letzte Zimmer übergreift, wenn Wenger nicht mehr da ist? Das ist ein Schaden, den ich einpreisen kann. Klar wird es ohne Wenger nicht einfach. Der Verein muss sich komplett neu aufstellen. Aber es wird Zeit, diesen Schritt zu gehen. Irgendwann wäre er sowieso zu erledigen. Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt. Aber jetzt Wenger noch einmal einen neuen Vertrag für zwei Jahre zu geben, wäre die schlechteste Option von allen. Der Verein kann nicht länger immer alle Probleme aussitzen. Arsenal als Verein muss eben auch mal eine dramatische Aktion machen. Auf dem Platz gab es genug davon.

5. Wenger und die Haltung gegenüber seinen Spielern
Bei aller Kritik an Wenger dürfen die Spieler nicht außen vor bleiben. Dass Coquelin in seinen 77 Minuten Spielzeit am Mittwoch nicht ein Tackle gewonnen hat, ist nur schwierig Wenger direkt anzukreiden. Dass Özil seit Monaten wie ein unbeteiligter Spieler über den Rasen trabt, vielleicht auch nicht direkt. Aber zumindest indirekt. Denn Wenger steht für eine heile Welt. Der Kader ist von der Breite und Tiefe umfangreicher denn je, trotzdem traut es sich Wenger nicht, Spieler in Formtiefs einfach mal aus der Startelf zu nehmen. Er tut den Spielern wie sich selbst keinen Gefallen damit. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass dann in einem CL-Achtelfinale ausgerechnet Kieran Gibbs spielt. Nichts gegen Gibbs, aber es steht sinnbildlich dafür, dass Wenger die falschen Entscheidungen trifft. Und in seiner eigenen Welt taktischer Ignoranz gefangen ist, wenn er durch Verletzungen und Spieler sein Team umstellen muss. Wir brauchen einen Trainer, dem demn Team, wie den Spielern taktische Variationen einüben kann. Wir brauchen einen Trainer, der die Entwicklung des Fußballs anno 2017 adaptiert, nicht ignoriert und stur über sie hinwegschaut.

Das sind zumindest die fünf Argumetationspakete, die ich als Evidenz sehe, Wengers Vertrag nicht zu verlängern. Diese Argumente sind debattierbar. Aber wie gesagt: Von der Pro-Wenger-Fraktion sehe ich derzeit wenig Substanz, ändert das bitte gerne in den Kommentaren.

Ja, mit ist klar, dass Wenger eine große Lücke hinterlässt, ein Vakuum, von dem man auch ausgehen muss, dass die anderen Akteure im Verein es nicht füllen können, geschweige denn derzeit es überhaupt sehen. Stan Kroenke und Alisher Usmanov sind froh, wenn der Verein Gewinn macht. Unseren CEO Ivan Gazidis halte ich noch für fähig, Kroenke klarzumachen, dass eine Vertragsverlängerung keinen Sinn macht. Aber einen neuen Trainer finden und die sportliche Leitung des Vereins komplett neu aufstellen? Unser Chairman Sir Chips Keswick hat jetzt bisher auch noch nicht unter Beweis gestellt, dass er eine wahnsinnig große Ahnung von Fußball besitzt.

Das werden also schwierige Zeiten für Arsenal und seine Fans. Aber das kann aus meiner Sicht kein Argument sein, den nötigen Schritt jetzt zu machen – und vor allem zu verkünden. Wenger muss jetzt sagen, dass er im Sommer aufhört und dann gibt es noch die beiden Ziele der direkten CL-Qualifikation und der Gewinn des FA-Cup. Das wäre unter allen Umständen der bestmögliche Abschied. Und Wenger hat einen tollen Abschied verdient. Er soll auch jetzt noch einen respektablen Umgang erhalten. Kritik an Wenger ja, aber maßvoll und angemessen. Wenger macht nicht den Job des Geldes wegen. Er würde auch nicht verlängern, weil er Geldprobleme hat, sondern höchstens weil er den Verein liebt und dieser ihm so wichtig ist. Wenn das aber so ist, dann muss er auch erkennen, dass die beste Entscheidung wäre, im Sommer zu gehen, so hart und schwierig diese Entscheidung auch sein mag – und so schwierig die Zukunft für Arsenal erst einmal werden kann.

In diesem Sinne: #coyg

Felix